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Tastingnotes & Whiskyblog

Bon Accord

Bon Accord / North of Scotland, 1876 - 1904,  Aberdeen 

Die Brennerei Bon Accord wurde um das Jahr 1876 von einer breit aufgestellten Aktiengesellschaft gegründet und entstand aus einer neu errichteten und nicht lange betriebenen Textilfabrik.

Leider wird oft das Gründungsjahr mit 1855 zitiert, auch soll man damals für den Neubau altes Equipment der Union Glen Distillery übernommen haben, beides sind häufig wiederholte Falschangaben, der Fehler des Gründungsjahres geht auf Alfred Barnard zurück.

Den mir vorliegenden Eigentumsurkunden nach ging das Grundstück nach Ende der Union Glen Distillery im Dezember 1857 an Alexander Pirie und im März 1859 anschließend für £1000 an Henry Pratt und John Keith. Diese errichteten die Newbridge Woollen Works, eine moderne und industrielle Textilproduktion. Vorher nutzte Union Glen nach einer Erweiterung das Gelände der ehemaligen Newbridge Brewery.

1876 gründete sich die "The Bon-Accord Distillery Company Limited" und erwarb das Grundstück, aus der Textilproduktion wurde eine Destillerie. Unter hohem Einsatz von Eigen- und Fremdkapital entstand eine moderne Whiskybrennerei.

Und hier sehen wir eine Karte aus dem Jahr 1883.


Die Zeitungsrecherche ist äußerst ermüdend. Da die Aktien öffentlich gehandelt wurden, finden sich die jeweiligen Aktienkurse auch in unzähligen Zeitschriften. 1879 finde ich diese über 400x abgedruckt… es kann also gut sein, dass mir etwas relevantes durchrutscht.

Im Jahr 1883 eskalierte ein Streit zwei Beschäftigten der Brennerei, William Kemp, Mälzer, soll James Calder, Stillman, mit einer Waffe niedergeschlagen und ernsthaft verletzt haben. Im Juni 1883 wird Kemp zu einer Geldstrafe, ersatzweise 16 Tagen Gefängnis verurteilt.

Wir bleiben im Sommer 1883, denn für die spätere wirtschaftliche Entwicklung ist folgendes relevant: Die Brennerei fasste auf einer außerordentlichen Hauptversammlung der Aktionäre am 31. Mai 1883 den Beschluss, den Wert des Unternehmens und der 3.854 Aktien um fast 30% abzuwerten. Weil das bereits 7 Jahre nach Gründung geschah, sieht mir das nach einer früheren finanziellen Restrukturierung aus. Später kommen wir noch zu den finanziellen Problemen der Brennerei.

Am Morgen des 24. Februar 1885 bricht zwischen 2 und 4 Uhr ein Feuer in der Brennerei aus, Bon Accord wird größtenteils zerstört, die Lagerhäuser konnten mit Mühe gerettet werden. Den Zeitungsberichten nach war die Brennerei entsprechend versichert.

Ca. 1890

Alfred Barnard besucht die Brennerei 1886 und hier schlich sich der Fehler mit dem Jahr 1855 ein, wir wissen ja mittlerweile, dass die Brennerei erst 1876 errichtet wurde. Barnard bekam dann die nach dem Feuer eilig wiederhergestellte Brennerei zu sehen. In seinem Buch beschreibt er die Mälzereien und Getreidespeicher wie immer mit Maßangaben. Bon Accord verzichtet auf die Nutzung des vorbeifließenden Ferry Hill Burn und verfügt über einen eigenen Brunnen.

In der Produktion stehen sechs Washbacks zu je 10.000 Gallonen zur Verfügung, im Brennhaus sind jeweils zwei Wash Stills zu je 3.600 Gallonen und zwei Spirit Stills zu je 2.036 Gallonen verbaut. Nicht nur die Brennblasen bezeugen die Größe der Brennerei, in den vier Lagerhäusern fanden damals bis zu 8.000 Fässer ihren Platz. 20 Beschäftigte und drei Steuerbeamte arbeiteten auf du dem Gelände, die Jahresproduktion lag bei bis zu 300.000 Gallonen. Der Bericht erwähnt zudem die Marke der Brennerei: „Cock-o'-the-North“.

Leider gibt es keine Zeichnung, dafür konnte ich in den Archiven der University of Aberdeen ein Flaschenlabel aus der Zeit finden.

Auch wenn die Brennerei versichert war und die Produktion zügig wieder anlief, finanziell stabil war sie dennoch nicht. Der Aberdeen Evening Express berichtet am 10. Oktober 1887 von der Jahreshauptversammlung, demnach lag der Gesamtverlust des abgelaufenen Geschäftsjahres bei £2.176 1s. Die Situation im Whiskyhandel sei insgesamt unbefriedigend.

Im November 1888 sucht die Brennerei via Stellenanzeige einen Küfer.

Jetzt habe habe ich eine richtig gute Quelle - die originalen und vollständigen Geschäftsberichte der letzten beiden Jahre vor dem Verkauf sowie die Zusammenstellung sämtlicher Aktionäre. Folgendes lässt sich aus diesen ableiten: 

  • 1893 steckte die Brennerei in einer Absatzkrise, machte Verluste und war schwer verschuldet, so der Bericht des Geschäftsjahres 1893/94. Der Verlust betrug über £1.400, jährlich wurden allein £700 Zinsen für Bankkredite fällig. Demnach hat man die Brennerei nur teilweise betrieben um den Lagerbestand nicht weiter zu erhöhen.
  • Spätestens September 1894 wurde Bon Accord vollständig stillgelegt, die Absatzschwierigkeiten hielten an, Liquiditätsprobleme kamen hinzu. 
  • Im Oktober 1895 bestanden 3.854 Aktien, aufgeteilt auf 89 Positionen (Einzelinvestoren oder Gruppen von Personen). Die größten Teilinhaber waren James Bruce (London, 353 Aktien), Peter Tocher (London, 327 Aktien) und James Ogston (Aberdeen, 260 Aktien).
  • Die Geschäfte der stillgelegten Brennerei führte 1894/1895 John Hugh Maclaren als Distillery Manager. Geschäftsführender Direktor der Aktiengesellschaft war Peter Tocher aus London.

Außerdem ist mir folgender Aktionär mit 10 Aktien aufgefallen: David Colville, Nord-Wales. Wer meine Recherchen zu Campbeltown verfolgte, kennt diesen Namen bzw. den Namen David Colville aus einer früheren Generation der Familie. Unser Aktionär hier war 1895 der Distillery Manager der Frongoch Distillery in Wales, welche die Leitung diesem erfahrenem Schotten anvertrauten. Zur Familie Colville gehörten neben Dalintober auch die Brennereien Springside und Dalaruan in Campbeltown.

Warum sind die Geschäftsberichte 1895 so interessant und warum liegt eine vollständige Liste der Aktionäre vor? 

Weil im Juni 1895 eine außerordentliche Gesellschafterversammlung die Direktoren mit dem Verkauf der Brennerei beauftragten, die finanzielle Last ist zu goß geworden. Und der Verkauf sollte zügig erfolgen, die Brennerei wurde in kurzer Zeit mehrfach angeboten.

Irgendwann zwischen August und Oktober 1895 wurde Bon Accord dann einschließlich Grundstück, Gebäude und technischer Einrichtungen deutlich unter Wert für nur £7.500 verkauft. Der Whiskybestand verblieb in der Aktiengesellschaft und wurde in Folge der Abwicklung ebenfalls veräußert.

Sollte es keinen Zwischenkäufer gegeben haben, dann hat die Dailuaine-Talisker Ltd. Bon Accord bereits 1895 erworben. Die häufige Angabe 1896/97 führe ich auf die in Zeitungsartikeln dokumentierte Abwicklung der Aktiengesellschaft zurück, wie gesagt, Vermögenswerte wie der Lagerbestand wurden noch liquidiert.

Und da ist dann auch schon die Bestätigung: Der Dundee Courier berichtet am 17. Oktober 1895 von der allgemeinen Entwicklung in der Whiskyindustrie, der Trend gehe wohl zur Zweitbrennerei, eine alleine reicht den Unternehmern nicht mehr aus. So erwarben „Messrs Gilbey & Company“ als Inhaber von Glenspey in Rothes auch die Glenisla Distillery in Keith und ein Mr. Thomas Mackenzie von der Dailuaine Distillery erwarb nun Bon-Accord in Aberdeen.

So also wechselte Bon Accord den Besitzer, kam anschließend zur Dailuaine-Talisker Distilleries Ltd. und verlor anschließend auch noch ihren Namen. Aus Bon Accord wurde die North of Scotland Distillery

Ab 1897 trug die Brennerei also nun den Namen „North of Scotland Distillery“, so finden sich bereits ab dem 1. April 1897 Werbeanzeigen.

Im Archiv der Universität von Aberdeen bin ich dann auch auf diese Karte gestoßen, angefertigt von Walker & Duncan, Engineers, Surveyors & Architects, Aberdeen, ebenfalls im Jahr 1897.


Aus dem Jahr 1898 stammt diese kleine Zeichnung, erschienen im "The Graphic" am 25. Juni 1898.


Zudem wurde die Brennerei erweitert, im Juli 1898 beschreibt ein Artikel im Distillers', Brewers', and Spirit Merchants' Magazine eine sich im Bau befindende Grain-Brennerei, die nach ihrer Fertigstellung bis zu 20.000 Gallonen Whisky pro Woche produzieren können soll. Die Kosten dafür: £8.000. Zudem wurden neue Brunnen erschlossen. North of Scotland verfügt über Transportmöglichkeiten auf dem Seeweg und per Eisenbahn.

1899 folgten weitere Neubauten und Erweiterungen, darunter Malzböden und Lagerhäuser, alle nach den Plänen von Charles Cree Doig. Im Aberdeen Press & Journal vom 22. September 1899 erfährt man vom Umfang der Bautätigkeiten. Demnach befindet sich ein großes Gebäude in Form eines L mit vier Stockwerken im Bau. Sie entstehen aus Stein und Kalkmörtel, die Zwischendeckes ruhen auf Eisenträgern und gusseisernen Säulen. Das erste Stockwerk soll demnach als Lagerhaus und Malzboden genutzt werden, das zweite und dritte Stockwerk als Lagerhaus und Getreideboden, oberste Stockwerk soll „zur allgemeinen Nutzung dienen“. Das Gebäude mit den bisherigen Getreideböden wird um zwei Stockwerke erhöht, die Brennerei erhält zudem einen neuen Schornstein aus roten Ziegelsteinen, welcher den bisherigen ersetzen soll. Die Gesamtkosten belaufen sich auf „viele tausend Pfund“, die Anlage soll auf die doppelte Größe anwachsen. Für den Ausbau musste zudem ein benachbartes Grundstück angekauft werden.

Dem späteren Geschäftsbericht kann man entnehmen, dass die North of Scotland Distillery seit April 1899 produziert, die Wiederinbetriebnahme hatte sich auf Grund der Baumaßnahmen erheblich verzögert. Spannend ist dabei auch die Bezeichnung als "...die Grain Distillery in Aberdeen..", zumindest wirtschaftlich hat man sich wohl voll auf Grain konzentriert.

Die zuvor erwähnten Geschäftsberichte bestätigen zwar die Krise der schottischen Whiskyindustrie infolge des Pattison-Crashs insgesamt, doch klingen sie für das eigene Geschäft sehr gelassen. Jedoch gehört zur Wahrheit, dass sich das Unternehmen auf seine Brennereien unterschiedlich fokussieren musste. Die zuvor neu errichtete Brennerei Imperial wurde nach kurzer Produktionsphase direkt wieder stillgelegt, North of Scotland rettete wohl die Tatsache, dass diese eben die neue und einzige Grain-Distillery des Unternehmens war.

Ob neben Dailuaine und Talisker auch North of Scotland noch Malt-Whisky brannte, kann ich aktuell noch nicht sagen, ich halte es aber auf Grund der wirtschaftlichen Lage eher für unwahrscheinlich.

Auf jeden Fall wurde auch nach der Jahrhundertwende (Grain-)Whisky produziert, so finde ich mehrere 1901 mehrere Anzeigen für Nebenprodukte wie Treber als Viehfutter.

Am 20. Juni 1901 bricht ein Feuer in der Brennerei aus, welches zügig gelöscht werden konnte. Es entzündeten sich Dämpfe bei der Trocknung des Trebers.

Der Bericht des abgelaufenen Geschäftsjahres 1900/1901 beschreibt North of Scotland dann doch etwas stärker als Sorgenkind. Durch die hohen Rohstoffkosten für Mais und Kohle konnte die Brennerei nur mit Verlusten betrieben werden, die Produktion wurde weitgehend eingeschränkt. Der Geschäftsbericht differenziert zwischen „den Malt-Brennereien“ und der North of Scotland Grain Brennerei.

1903 wird wieder Treber der Brennerei angepriesen, damit läuft die Produktion auf jeden Fall. Zudem wurde in eine neue Maschine zur Trocknung des Trebers investiert.

Am 27. September 1904 bricht erneut ein Feuer aus, vermutlich zerbarst ein Whiskyfass und die austretende Flüssigkeit entzündete sich an einer Öllampe. Durch das Feuer zerbrachen weitere Whiskyfässer und der auslaufende Whisky entzündete sich ebenfalls, brennender Whisky strömte aus der Brennerei und setzte Zäune und Bäume in Brand. Die vollständige Zerstörung dauerte stundenlang an, auf dem Höhepunkt kam es zur Explosion in einem Lagerhaus. Die Brennerei, ihre Rohstoffe und sämtlicher Whisky wurden vernichtet. Der Schaden wird auf nicht weniger als £100.000 geschätzt, 800.000 Gallonen Whisky gingen in Rauch auf. Die Zeitungsartikel schildern die Umstände eindrücklich und ausschweifend, oft werden die "Rivers of Fire" beschrieben. Ich will es bei der kurzen Zusammenfassung belassen. 

Feuerkatastrophen faszinierten... anders lässt sich die gute Dokumentation nicht erklären. 

1907 wird Alexander M‘Gregor wegen Diebstahls angeklagt und zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. M‘Gregor wurde erwischt, als er aus den Ruinen der Brennerei Messinggegenstände und Bleirohre stahl. Damit wissen wir, dass die Brennerei 1907 noch nicht wieder errichtet wurde.

1910 verschmelzen die Dailuaine-Talisker Distilleries Ltd. mit der Highland Distilleries Company Ltd. Warum nenne ich das Jahr 1910 noch? Weil die Brennei im Rahmen der Verschmelzung aufgezählt wird. Aber jetzt wird es komisch, denn seit dem Feuer 1904 und der Verurteilung 1907 gibt es faktisch keine relevanten Erwähnungen, was jedoch in Widerspruch zu allen großen Whiskyseiten steht. Denn der gängigen Literatur nach soll die Brennerei 1910 erneut abgebrannt und 1913 final geschlossen worden sein. Jedoch gibt es weder in den städtischen Archiven Bauunterlagen ich sonst irgendwelche Hinweise. Da das Feuer alleine eine Sensation gewesen wäre und die Stadt Aberdeen wuchs, wäre auf jeden Fall berichtet worden.

1909 brennt es bei Convalmore, die Überschrift lautet „Fire at a North of Scotland Distillery“ und ansonsten gibt es noch ein paar Berichte über nördlichere Brennereien bzw. die wirtschaftliche Situation der „Great North of Scotland Railway“.

1911 finde ich noch ein Leserbrief an den Aberdeen Press & Journal, in welchem es um Geruchsbelästigungen geht. Dazu muss noch gesagt werden, dass es vor dem Feuer 1904 Klagen wegen Geruchsbelästigungen gegen die Brennerei gab, eine offizielle Befassung mit der Sache erfolgte erst 1905. Der Leser schreibt: „Seit der Zerstörung der Bon-Accord Distillery durch einen Brand sind wir in Aberdeen einigermaßen von gesundheitsgefährdenden Belästigungen durch üble Gerüche verschont geblieben …“

Auch im Bericht über den Diebstahl 1907 wird die Brennerei als zerstörte Ruine beschrieben, warum aber führt das Unternehmen den Namen „North of Scotland“ noch bis 1910 in der Auflistung ihrer Brennereien? Ich denke, weil es eben noch Whisky aus der Brennerei gab. Immerhin lagerte das Unternehmen einen Großteil der Fässer in in ihren Lagerhäusern in Carron, den Central Glenlivet Bonding Warehoueses, sowie bei Dailuaine selber. So wissen wir seit meiner Recherche zu Dailuaine, dass ganze Sonderzüge mit Talisker-Whisky dorthin verbracht und eingelagert wurden. Zudem wird die Abwicklung mit der Versicherung sowie die Verwertung des Grundstücks eine Rolle gespielt haben.

Mein Fazit also: Die Brennerei Bon Accord alias North of Scotland wurde mit dem verheerendem Brand am 27. September 1904 vernichtet und ist seitdem verloren. Sie wurde nicht erneut errichtet und sie brannte auch 1910 nicht erneut aus. Somit durfte ich nicht nur das Gründungsjahr korrigieren, auch das Jahr der Stilllegung bedurfte einer Anpassung.

1920 wurde das Grundstück dann zum Kauf angeboten, mit Teilen der Ruinen.
Wer mal in Aberdeen ist und den Ort der früheren Brennerei sehen möchte, heute ist es ein Wohngebiet. Hier seht ihr den Ort bei Google Street View

 
 
 
 
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