Kinloch
Kinloch Distillery, Campbeltown Longrow / Lochend Street, 1823 (?) - 1926 (?)
Die nächste Brennerei im dicht gedrängten Campbeltown ist die Kinloch Distillery, die sich genau auf der Ecke Longrow Lochend Street befand. Gegründet wurde das Unternehmen wohl im Jahr 1823 durch Lamb, Colvill & Co., welche eine bereits bestehende Mälzerei übernahmen. Spätestens ab 1825 war das Unternehmen dann auch tatsächlich als Whiskybrennerei tätig.
Auf der Rückseite der Brennerei lag das Marschland, welches später für den Ausbau der Stadt und die Entstehung des Kinloch Park trockengelegt wurde. In direkter Nachbarschaft lagen die Brennereien Springbank, Longrow und Campbeltown, aber auch auch Hazelburn, Argyll und Lochend. Laut einem Zeitungsartikel von 1881 heißt „Kinloch“ so viel wie „End of the Loch“.
Hier sehen wir Kartenausschnitte aus den Jahren 1865 und 1866.
Im Jahr 1885 besuchte Alfred Barnard die die Kinloch Distillery. Er beschreibt anfangs ein wenig die Stadt und wie große Mengen Gerste von den Schiffen abgeladen wurde. Barnard schreibt, dass die Brennerei bereits viele Jahre vor dem Destillieren als Mälzerei genutzt wurde, es kann davon ausgegangen werden, dass die Gründer der Brennerei die Gebäude übernahmen, der Ort aber im Sinne der Ressourcenversorgung anderer Brennereien eine viel längere Geschichte hat. Im Bericht wird auf die Zeit der Schmuggler und Schwarzbrenner verwiesen.
Alfred Barnard wird durch James Dunlop durch die Kinloch Distillery geführt, der zu diesem Zeitpunkt geschäftsführende Gesellschafter, dessen Vater Teil des Gründer-Konsortiums war. Drei Malzböden versorgen die Brennerei, getrocknet wird das Malz mit Torf. Die Mühle befand sich direkt über der Mash Tun, Gebäude und Ausstattung werden als zweckmäßig angeordnet beschrieben. Es standen insgesamt 8 Washbacks mit einem Fassungsvermögen von je 7.400 Gallonen zur Verfügung, gebrannt wurde in drei eher kleineren Brennblasen zu 2.900 Gallonen (Wash) sowie 1.800 und 1.700 Gallonen, zwei mit Dampf und eine mit Feuer beheizt. Die vier Lagerhäuser beherbergten am Tag des Besuchs genau 2.461 Fässer, konnten aber über 3.000 Fässer aufnehmen. Das Wasser stammt aus dem Crosshill Loch, zudem gab es auch einen Brunnen auf dem Gelände. Da kürzlich anliegende Grundstücke erworben wurden, ist ein weiterer Ausbau der Kinloch Distillery geplant.
Der Whisky wurde als Campbeltown Malt in Ayrshire, Glasgow und London gehandelt. Und so endet der Text von Barnard, leider wurde keine Zeichnung angefertigt.
Zehn Jahre zuvor ist in der Ausgabe des „The Scotsman“ vom 26. April 1875 ein Feuer in der Brennerei dokumentiert. Demnach ist am Morgen des Vortages zwischen 8 und 9 Uhr eine starke Rauchentwicklung beobachtet worden, schnell erklangen die Stadtglocken und die Menschen versammelten sich um beim löschen zu helfen. Das betroffene Gebäude soll Teil der Mälzerei und schon sehr alt gewesen sein und sowieso vor dem Abriss gestanden haben, schnell wurde der Whisky aus den angrenzenden Lagerhäusern in Sicherheit gebracht. Da keine funktionierenden Schläuche zur Verfügung standen, musste das Feuer mit Eimern gelöscht werden.
Im Jahr 1894 gab es wohl Beschwerden darüber, dass aus der Mälzerei Abfälle in das Meer geleitet werden. Die Brennerei lässt im Campbeltown Courier vom 28. Juli 1894 eine Antwort abdrucken, daraus lässt sich die Geschichte noch einmal etwas präzisieren. Demnach hatten die Herren Alexander und James Dunlop bereits seit 1792 das Recht, flüssige Abfälle direkt in das Meer zu leiten. Im Jahr 1824 ging dieses Recht dann auf das Unternehmen Lamb, Colville & Co. über. An dieser Stelle kann man sich fragen, in welcher Menge flüssige Abfälle nun aus der reinen Mälzerei ins Meer geleitet wurden oder ob an dieser Stelle nicht doch auch schon vor 1825 Whisky gebrannt wurde. Auf jeden Fall soll es sich immer um reine, für die Umwelt unbedenkliche, Malzabfälle gehandelt haben. Der Bericht stellt die heute oft zitierten Angaben zur Brennereigründung in Frage.
Am 16. Dezember 1902 kam es zu einem tödlichen Arbeitsunfall, so der Campbeltown Courier am 17. Januar 1903. William McAlister (Mashman) stürzte von einer Holzleiter und verletzte sich tödlich. Eine offizielle Untersuchung kam zum Schluss eines tragischen Unfalltods.
Am Samstag den 15. August 1903 berichtet ebenfalls der CampbeltownCourier, dass am vorherigen Sonntagabend im Hafen der Körper von Robert R. Dunlop gefunden wurde, er sei zuletzt am Freitag gegen 22 Uhr am Kai gesehen worden, wo er mit dem späten Dampfschiff in Campbeltown ankam. Robert war der Bruder vom bereits verstorbenen James Dunlop (siehe Bericht Alfred Barnard) und war vor einigen Jahren in die Stadt zurückgekehrt, um James in der Kinloch Distillery zur Seite zu stehen. Er wird wohl bei Ankunft über die Kaimauer gestürzt und ertrunken sein, Robert R. Dunlop wurde 62 Jahre alt.
Im Jahr 1919 ging Kinloch an das Unternehmen The West Highland Malt Distilleries.
Im Buch „The Distilleries of Great Britain and Ireland“ wird die Brennerei am 14. April 1923 beschrieben. Demnach begann die Whiskybrennerei im Jahr 1823 mit der Produktion und auch hier wird erwähnt, dass die Mälzerei bereits seit 1792 „hunderte illegale Brennblasen“ in der Nachbarschaft versorgte. Demnach war es Brauch, das selbst angebaute Getreide zu solchen Mälzereien zu bringen. Eine der früheren Methoden der Steuerbeamten war es wohl, Frauen und Männern zu folgen, die zusammen mit beladenen Pferden von Mälzereien wie Kinloch aus die Stadt verlassen haben. Der weitere Bericht beschreibt den Schmuggel auf Fischerbooten, bevor er endlich zur eigentlichen Kinloch Distillery kommt. Und dann fällt der Text auch noch ziemlich kurz aus. Alte Gebäude beherbergen modernes Gerät, es sind weithin drei Malzböden, Brennstoff ist hauptsächlich Torf, die Anzahl der in ihrer Größe unveränderten Washbacks wurde auf sechs Exemplare verringert. Die Jahresproduktion beträgt 100.000 Gallonen. Der Bericht nennt die Brennerei zusammen mit (Glen) Scotia, Dalintober, Glen Nevis, Glengyle und Ardlussa als Teil der der West Highland Malt Distilleries, Manager dieser Gruppe war Duncan MacCallum.
Die zwei folgenden Bilder dürften altersbedingt mittlerweile gemeinfrei sein, sie sind 1923 entstanden und sind in der British Library archiviert. Zuletzt wurden sie im Reprint des Werkes "The Distilleries of Great Britain and Ireland" veröffentlicht.
Später im Jahr 1923 wurde die Gruppe wegen der wirtschaftlichen Lage aufgelöst, MacCallum erwarb die Brennerei, spätestens im Jahr 1926 legte er sie still. Es gibt aber auch Hinweise darauf, die Kinloch bereits ab Ende 1923 gar nicht mehr richtig in Betrieb war oder final 1925 schloss.
Duncan MacCallum ist bereits 1877 in das Whiskygeschäfts eingestiegen und war unter anderem als Manager tätig, aber auch Teilhaber von mindestens vier Brennereien. Er schenkte die Stillgelegte Kinloch Distillery dann der Stadt Campbeltown für ein Wohnbauprojekt. MacCallum wählte im Alter von 83 Jahren den Freitod, man fand ihn am 23. Dezember 1930 ertrunken im Crosshill Loch - der über 100 Jahre lang wichtigsten Wasserquelle der Campbeltown-Brennereien.
Ab dem Jahr 1933 entstehen dann zwei Wohnhäuser für die „working class“ auf dem Grundstück, zuvor werden die alten Gebäude abgerissen.
Am 26. Mai 1945 berichtet der Campbeltown Courier von einer Delegation im Konzentrationslager Buchenwald. Tom Driberg fand dort ein Dokument, welches im März 1945 von John Harrower Colville* verfasst wurde. Demnach beschreibt John seinen kritischen Gesundheitszustand und bezeichnet sich als zivilen Gefangenen, der sich allein auf Grund seiner britischen Herkunft im KZ Buchenwald befindet. Er befürchtet, dass er sich von seinem Zustand nicht mehr erholen wird. Laut einem Herrn Steintz befände sich John in einem amerikanischem Krankenhaus und sei noch am Leben. Der Artikel führt weiter auf, dass John der Sohn von David Colville und Jane Hutton sei, sein Vater David wurde nach dem Tod von Mr. Dunlop als Manager der Kinloch Distillery eingesetzt. Leider konnte ich keine weitern Angaben zu seinem Schicksal finden.
In einer Werbeanzeige des Jahres 1953 für den Blend „Scottish Cream“ wird sich auf die Kinloch Distillery bezogen, demnach wurde sie 1792 als Mälzerei gegründet, die 1823 in eine Brennerei umgewandelt wurde.
Wer bei einem Besuch des Pubs "Fiddler's Inn" einen Whisky genießt, darf sich gerne an die Kinloch Distillery erinnern. Hier der Ort der Brennerei bei Google Street View: XQt4S3rSpbdxGTap8
PS: Auf der Rückseite des Geländes ist dann die Kinloch Road entstanden, ein kleiner Weg zwischen Kinloch Park und ehemaligem Brennereigelände.
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*Nebenbeitrag zu John H. Colville seiner Lagerhaft im KZ Buchenwald, Schicksal unbekannt
Das wird hier jetzt eher ein Nebenbeitrag, der gar nichts mehr so richtig mit der Geschichte der Kinloch Distillery zu tun hat. Da ich aber in der Zeitungsrecherche mit dem Suchbegriff "Kinloch" auf John H. Colville kam, hat mich sein Schicksal nicht losgelassen.
In Schottland findet man seine Daten im Geburtsregister von 1870 und die Zensusangaben von 1881, da war John 11 Jahre alt.
Bisher kann ich sein Schicksal nicht aufklären…. Ich weiß nicht ob er seinen kritischen Gesundheitszustand und damit die Lagerhaft im KZ Buchenwald überlebt hat.
Was ich aber weiß: John H. Colville lebte bis Juli 1944 in Frankreich, er wurde am 30.7.1944 verhaftet und ins KZ Buchenwald deportiert, dort ist sein Eingang am 5.8.1944 registriert. Seine Selbstbezeichnung als „ziviler Gefangener“ findet sich auch in der Lagerakte von Buchenwald. Seine Gefangenennummer war die 69.627. Verhaftungsgrund: „politisch, Engländer“….
Dort findet sich auch die Angabe, dass John mit Rosalia Colville verheiratet ist, geb. Cheodence. Der Beruf seines Vaters: Destillateur, er selbst war als Rechtsanwalt tätig. Die weiteren Angaben sind stimmig, nur gibt es eine Abweichung im Geburtsjahr, denn hier wird 1871 genannt.
Sollte John die Haftbedingungen des KZ Buchenwald überlebt haben, ist er höchstwahrscheinlich nach Frankreich zu seiner Frau zurückgekehrt, zumindest konnte ich keine Daten über ihn in Schottland finden. Mehr können nur die Sterberegister in Frankreich sagen, vor 1970 sind diese aber dezentral geführt und bisher nicht digitalisiert worden.
Im Anhang ein Teil der Lagerakte....
Solche Funde im Kontext unserer Liebe zum Whisky sollten uns auch eine Mahnung beim aktuellen politischen Zeitgeist sein.






